711.000 Videosprechstunden: Wachstum oder Nachholeffekt
Die Techniker Krankenkasse hat für 2024 insgesamt 711.000 Videosprechstunden verzeichnet - ein Plus von 23 Prozent gegenüber den 576.000 im Jahr 2023 (Quelle: TK-Pressemitteilung zur Videosprechstunde). Das ist eine klare Steigerung, aber die Einordnung lohnt sich.
Denn diese Zahlen zeigen zunächst nur eine einzige Krankenkasse, wenn auch die mitgliederstärkste. Hochgerechnet auf das gesamte GKV-System deuten sie darauf hin, dass Videosprechstunden in vielen Praxen inzwischen zum Alltag gehören. Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: Gemessen an der Gesamtzahl aller ambulanten Arzt-Patienten-Kontakte in Deutschland bewegt sich der Videoanteil weiterhin im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Die 23 Prozent Wachstum sind also kein Hype, sondern ein Zeichen für eine stetige, aber noch lange nicht abgeschlossene Entwicklung.
Keine Pandemie-Anomalie mehr
Lange wurde argumentiert, die hohen Videosprechstundenzahlen während der COVID-19-Pandemie seien ein Einmaleffekt. Die Daten von 2024 widerlegen das. Das Wachstum setzt sich fort - und zwar ohne pandemische Sondersituation, ohne gelockerte Abrechnungsregeln und ohne behördliche Empfehlungen zur Kontaktreduzierung.
Was das praktisch bedeutet: Patienten haben sich an digitale Konsultationen gewöhnt. Laut dem Digital Health Report 2026 (veröffentlicht von arzt-wirtschaft.de) geben 68 Prozent der Befragten an, künftig Arztgespräche per Video führen zu wollen. Die Nachfrage kommt also zunehmend von der Patientenseite.
Für Praxen, die noch keine Videosprechstunde anbieten, wird es damit schwieriger, diesen Kanal als optionalen Zusatz abzutun. Er wird zum erwarteten Bestandteil des Leistungsangebots - vergleichbar mit der Online-Terminbuchung, die vor wenigen Jahren noch als Komfortfunktion galt und heute von vielen Patienten vorausgesetzt wird.
Dabei lohnt ein differenzierter Blick auf die Wachstumsdynamik: Die 23 Prozent Steigerung bei der TK bedeuten in absoluten Zahlen 135.000 zusätzliche Videosprechstunden innerhalb eines Jahres. Das ist substanziell, aber kein exponentielles Wachstum. Die Entwicklung verläuft linear und nachhaltig - was für eine langfristige Etablierung spricht, nicht für einen kurzfristigen Boom, der wieder abebbt.
Wo das Wachstum stattfindet
Die Nutzung verteilt sich nicht gleichmäßig über alle Fachrichtungen. Besonders stark ist die Videoberatung in Bereichen, in denen das gesprochene Wort im Mittelpunkt steht:
- Psychotherapie und Psychiatrie - Gesprächstherapie lässt sich gut per Video abbilden, die Abrechnungsregeln sind seit 2025 weitgehend entfesselt
- Allgemeinmedizin - Befundbesprechungen, Folgeverordnungen und Krankschreibungen sind häufige Anwendungsfälle
- Dermatologie - visuelle Befunderhebung per Kamera funktioniert bei vielen Fragestellungen gut
Weniger verbreitet ist die Videosprechstunde erwartungsgemäß in Fachrichtungen, die auf körperliche Untersuchung oder apparative Diagnostik angewiesen sind - etwa Orthopädie oder Chirurgie. Dort bleibt die Videokonsultation auf Vor- und Nachgespräche beschränkt.
Auf Patientenseite zeigt sich ein breites Altersspektrum. Die Annahme, nur jüngere Patienten würden Videosprechstunden nutzen, bestätigt sich in der Praxis nicht vollständig - gerade für mobilitätseingeschränkte ältere Patienten kann die Videosprechstunde einen echten Zugangsgewinn darstellen. Ähnliches gilt für Patienten in ländlichen Regionen mit langen Anfahrtswegen oder eingeschränktem Zugang zu Fachärzten.
Auch innerhalb der Fachrichtungen differenziert sich die Nutzung weiter aus. In der Psychotherapie etwa hat der Wegfall vieler Mengenbegrenzungen seit 2025 dazu geführt, dass Therapeuten einzelne Sitzungen gezielt als Videositzungen planen können - etwa wenn ein Patient auf Reisen ist oder eine Anfahrt bei akuter Belastung schwerfällt. In der Allgemeinmedizin wiederum sind es häufig Routinekontakte, die sich gut per Video abwickeln lassen: die Besprechung eines Laborwerts, das Ausstellen einer Folgeverordnung, eine kurze Rücksprache zur Medikamentenanpassung.
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Was die Digitalisierung bremst
Trotz des Wachstums gibt es deutliche Reibungspunkte. Der Digital Health Report 2026 liefert dazu aufschlussreiche Zahlen:
Patienten wollen mehr Tempo
70 Prozent der Patienten finden, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu langsam voranschreitet (Quelle: Digital Health Report 2026, arzt-wirtschaft.de). Gleichzeitig gibt nur ein guter Drittel - 35 Prozent - an, die Terminsuche als einfach zu empfinden. Die Diskrepanz zeigt: Patienten erwarten digitale Zugänge, erleben aber häufig analoge Hürden.
Das betrifft nicht nur die Videosprechstunde selbst, sondern den gesamten digitalen Zugangsweg: von der Online-Terminbuchung über die Bereitstellung von Befunden bis hin zur digitalen Kommunikation mit der Praxis. Patienten vergleichen ihre Erfahrungen im Gesundheitswesen zunehmend mit anderen Lebensbereichen, in denen digitale Prozesse selbstverständlich sind - und die Erwartungslücke wächst.
Ärzte sehen den Nutzen - mit Vorbehalten
79 Prozent der Ärzte bewerten digitale Anwendungen als hilfreich (Quelle: Digital Health Report 2026, arzt-wirtschaft.de). Das ist eine klare Mehrheit. Die Vorbehalte liegen weniger beim Grundsätzlichen als bei der Umsetzung:
- Abrechnungskomplexität - Die EBM-Ziffern für Videosprechstunden sind vorhanden, aber die Regeln zu Deckeln, Authentifizierung und fachgruppenspezifischen Besonderheiten bleiben unübersichtlich
- Technische Infrastruktur - Nicht jede Praxis verfügt über stabile Internetverbindungen, und nicht jeder Patient hat die nötige Hardware oder digitale Kompetenz
- Fehlende Integration - Videosprechstunde als Insellösung neben PVS, Terminbuchung und Dokumentation erzeugt Mehraufwand statt Effizienz
Die ehrliche Einschränkung
Das Wachstum ist real, aber es startet von einer niedrigen Basis. Die große Mehrheit aller ambulanten Konsultationen findet weiterhin in der Praxis statt - und das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht grundlegend ändern. Die Videosprechstunde ersetzt nicht den Praxisbesuch, sondern ergänzt ihn dort, wo eine persönliche Anwesenheit nicht zwingend erforderlich ist.
Was das für die Praxisorganisation bedeutet
Für Praxisinhaber, die Videosprechstunden bereits anbieten oder einführen möchten, ergeben sich aus den aktuellen Zahlen drei praktische Schlussfolgerungen:
1. Patientenerwartung einplanen: Wenn 68 Prozent der Befragten Video-Konsultationen erwarten, wird die Frage von Patienten danach zunehmen. Eine Praxis, die darauf vorbereitet ist, erspart sich Diskussionen und gewinnt an Attraktivität - besonders bei der Gewinnung neuer Patienten.
2. Abrechnung systematisieren: Die Abrechnungsregeln für Videosprechstunden sind komplex, aber dokumentiert. Der Technikzuschlag (GOP 01450) wird zusätzlich zur eigentlichen Leistung abgerechnet, dazu kommt bei Neupatienten der Authentifizierungszuschlag (GOP 01444). Wer die relevanten Ziffern kennt und korrekt ansetzt, kann die Videosprechstunde wirtschaftlich sinnvoll betreiben. Es lohnt sich, die Abrechnungslogik einmal sauber im Praxisteam zu verankern, anstatt sie bei jeder Sitzung neu zu recherchieren.
3. Technik als Grundlage, nicht als Hürde: Die Wahl des Videodienstanbieters bestimmt, wie viel Aufwand die Videosprechstunde im Alltag verursacht. Relevante Kriterien sind KBV-Zertifizierung, Datenschutzkonformität und die Frage, ob Patienten ohne Software-Installation teilnehmen können. Wenn Patienten erst eine App herunterladen oder ein Konto anlegen müssen, steigt die Abbruchrate vor dem Gespräch. Browserbasierte Lösungen senken diese Hürde erheblich.
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Datenschutz bleibt Schlüsselthema
Ein Aspekt, der in Wachstumsmeldungen oft untergeht: Mit steigender Nutzung steigt auch die Verantwortung für den Datenschutz. Jede Videosprechstunde verarbeitet besondere Kategorien personenbezogener Daten nach Art. 9 DSGVO - Gesundheitsdaten.
Für Praxen bedeutet das:
- Der Videodienstanbieter muss nach Anlage 31b BMV-Ä zertifiziert sein
- Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist nicht nur wünschenswert, sondern bei Gesundheitsdaten die konsequente Wahl
- Die technische Architektur des Anbieters bestimmt, wer theoretisch Zugriff auf Gesprächsinhalte haben könnte
MeetOne setzt hier auf eine Peer-to-Peer-Architektur: Die Video- und Audiodaten werden direkt zwischen den Endgeräten von Arzt und Patient übertragen, ohne über einen zentralen Server zu laufen. Das bedeutet, dass auch MeetOne selbst keinen Zugriff auf die Gesprächsinhalte hat - ein technischer Unterschied zu Lösungen, die über zentrale Medienserver arbeiten.
Warum ist das relevant im Kontext der Wachstumszahlen? Weil steigende Nutzung auch steigende Angriffsfläche bedeutet. Je mehr Videosprechstunden stattfinden, desto attraktiver werden die Datenströme für potenzielle Angreifer. Eine Architektur, die Daten gar nicht erst zentralisiert, reduziert dieses Risiko strukturell - unabhängig davon, wie viele Gespräche über das System laufen.
Videosprechstunde 2024 auf einen Blick
- 711.000 Videosprechstunden bei der TK, +23 % gegenüber 2023
- 68 % der Patienten wünschen sich Video-Konsultationen
- 79 % der Ärzte bewerten digitale Anwendungen als hilfreich
- Wachstum ist stabil und pandemieunabhängig, aber von niedriger Basis
- Datenschutz und Abrechnungskomplexität bleiben zentrale Herausforderungen
Fazit
Die Zahlen für 2024 bestätigen, dass die Videosprechstunde kein vorübergehender Trend ist, sondern sich als fester Bestandteil der ambulanten Versorgung etabliert. Gleichzeitig zeigen sie, dass das Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft ist - sowohl auf Seiten der Praxen als auch der Patienten. Wer sich jetzt mit Technik, Abrechnung und Datenschutz systematisch aufstellt, nutzt eine Entwicklung, die sich nach allen verfügbaren Daten fortsetzen wird.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle rechtliche oder betriebswirtschaftliche Beratung. Alle genannten Zahlen beziehen sich auf die jeweils angegebenen Quellen (TK, Digital Health Report 2026).