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Videosprechstunde in der Rheumatologie: Wo sie trägt

Verlaufskontrolle, Labor, Schulung: Wo die Videosprechstunde in der Rheumatologie Termine entlastet und warum Gelenkstatus und Sonografie Präsenz brauchen.

Videosprechstunde in der Rheumatologie: Wo sie trägt

Auf eine rheumatologische Erstvorstellung warten Patienten oft mehr als drei Monate. Die Videosprechstunde schafft keine zusätzlichen Rheumatologen, sie kann aber stabile Verlaufskontrollen, Laborbesprechungen und Schulungen aus dem Sprechzimmer verlagern - solange Gelenkstatus, Sonografie und Erstdiagnostik in der Praxis bleiben. Sinnvolle Anlässe, Grenzen und ein hybrider Behandlungsrhythmus im Überblick.


Rund ein Rheumatologe auf 100.000 Erwachsene

Die Engpässe in der rheumatologischen Versorgung sind gut dokumentiert. Nach dem Memorandum 2024 der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh) leben in Deutschland etwa 1,8 Millionen Erwachsene mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung. Ende 2023 nahmen 715 Fachärztinnen und Fachärzte für Rheumatologie an der vertragsärztlichen Versorgung teil - rechnerisch 1,0 pro 100.000 Erwachsene. Die DGRh hält mindestens zwei für erforderlich und beziffert die Lücke allein im ambulanten Bereich auf etwa 700 Fachärzte. Die Wartezeit auf eine Erstvorstellung liegt laut Memorandum oft über drei Monaten, das Qualitätsziel sind sechs Wochen nach Symptombeginn.

Mehr Rheumatologen bringt die Videosprechstunde nicht. Ihr Hebel liegt woanders: Jede Verlaufskontrolle, die ohne Anreise und ohne Sprechzimmer auskommt, macht einen Präsenztermin frei - für Neuvorstellungen, Schübe und Patienten, deren Gelenke untersucht werden müssen. Das Memorandum nennt diese Möglichkeit ausdrücklich für digitale Verlaufskontrollen bei Patienten in Remission. Über den Nutzen entscheidet also, welche Termine eine Praxis verlagert und welche nicht.

Einen fachübergreifenden Überblick gibt der Beitrag zur Videosprechstunde für Fachärzte.

Was DGRh und EULAR zur Videosprechstunde sagen

Beide Organisationen haben sich positioniert, mit ähnlicher Stoßrichtung. Die DGRh sieht in ihrer Stellungnahme von 2020 (Aries et al., Zeitschrift für Rheumatologie) die Videosprechstunde vor allem bei bekannten Patienten mit guter Kontrolle der Krankheitsaktivität. Sie hält fest, dass ein vollständiger Gelenkstatus anhand eines Videobildes nicht gewährleistet ist, und stuft eine langfristige, ausschließlich auf Video gestützte Betreuung als nicht möglich ein.

Der europäische Rheumatologie-Dachverband EULAR hat 2022 Points to Consider für Telemedizin bei rheumatischen und muskuloskelettalen Erkrankungen veröffentlicht (de Thurah et al., Annals of the Rheumatic Diseases). Danach eignet sich Telemedizin für die Vorabklärung im Überweisungsprozess, das Krankheitsmonitoring, die Anpassung von Medikamentendosierungen und einige nicht-medikamentöse Interventionen. Der Einsatz soll sich an Bedürfnissen und Präferenzen der Patienten orientieren, das Behandlungsteam braucht passende Ausstattung und Schulung.

Wo die Videosprechstunde trägt

Verlaufskontrollen bei stabiler Erkrankung

Der typische Kandidat ist ein Patient mit rheumatoider Arthritis, Psoriasisarthritis oder axialer Spondyloarthritis, der seit Längerem gut eingestellt ist. Morgensteifigkeit, Schmerzverlauf, Belastbarkeit im Alltag, Therapietreue und neue Begleiterkrankungen lassen sich im Gespräch erfragen. Die Einschätzung der Krankheitsaktivität stützt sich dann auf Anamnese, Labor und Patientenangaben - ohne eigenen Tastbefund.

Laborbesprechung und Therapiemonitoring

Unter konventionellen Basistherapeutika wie Methotrexat und unter Biologika gehören regelmäßige Laborkontrollen zur Therapie. Der Therapieinformationsbogen der DGRh zu Methotrexat sieht neben Blutbild, Leber- und Nierenwerten eine Befragung und klinische Kontrolle vor, unter anderem auf Hautausschlag, Mundschleimhautentzündung, Magen-Darm-Beschwerden, Fieber, Luftnot und Husten. Die Befragung funktioniert per Video wie im Sprechzimmer, Haut und Mundschleimhaut lassen sich zumindest orientierend zeigen. Den Laborverlauf können Arzt und Patient per Bildschirmfreigabe gemeinsam ansehen; worauf dabei zu achten ist, beschreibt der Beitrag zur Bildschirmfreigabe in der Beratung.

Patientenschulung

Strukturierte Patientenschulungen wurden laut DGRh-Memorandum positiv evaluiert, sind aber nicht finanziell gedeckt. Per Video lassen sich Inhalte vertiefen und auffrischen: Wirkweise und Einnahmeschema, Verhalten bei Infekten unter Immunsuppression, Fragen zur Selbstinjektion. Die erste Anleitung zur Injektion findet in der Regel in der Praxis statt, Rückfragen danach lassen sich häufig per Video klären.

Fragebögen vor dem Termin

Viele Verlaufsinstrumente der Rheumatologie beruhen auf Patientenangaben: der BASDAI bei axialer Spondyloarthritis, RADAI oder RAPID3 bei rheumatoider Arthritis, der HAQ zur Funktionseinschränkung. Füllt der Patient sie vor dem Termin aus, beginnt das Gespräch mit Werten statt mit einer offenen Frage nach dem Befinden. Scores wie DAS28 oder CDAI setzen dagegen die Zahl geschwollener und druckschmerzhafter Gelenke voraus und lassen sich per Video nicht vollständig erheben.

Wie weit die Selbstuntersuchung trägt

Eine Metaanalyse von 14 Studien (Rampes et al., Journal of Rheumatology 2021) fand eine starke Korrelation zwischen den von Patienten und den von geschultem Fachpersonal gezählten druckschmerzhaften Gelenken (0,78), bei geschwollenen Gelenken war sie moderat (0,59). Die Autoren halten selbst gezählte Gelenke für die Jahreskontrolle bei Patienten in Remission und für das Monitoring des Therapieansprechens für geeignet, nicht aber für die Entscheidung über den Beginn einer Biologikatherapie.

In der deutschen TELERA-Studie (Knitza et al., EULAR Rheumatology Open 2025) dokumentierten Patienten mit rheumatoider Arthritis per App einen selbst durchgeführten CRP-Test, eine Gelenkselbstuntersuchung und Fragebögen. Die Therapieentscheidung im regulären Präsenztermin stimmte in 77 Prozent der Fälle mit der Empfehlung von Telerheumatologen überein, die nur diese Daten kannten. Die Studie untersuchte asynchrone Telemedizin ohne Videokontakt. Sie zeigt, wie viel Entscheidungsgrundlage strukturierte Patientendaten liefern können - und dass sie die Untersuchung nicht in jedem Fall ersetzen.

Was in die Praxis gehört

Anlass Warum Präsenz
Erstvorstellung und Erstdiagnostik Differenzialdiagnose braucht klinische Untersuchung, Labor und Bildgebung
Gelenkstatus Schwellung und Druckschmerz lassen sich nur tastend sicher beurteilen
Gelenksonografie Gerätegebunden
Schub oder unklare Verschlechterung Video kann die Dringlichkeit klären, ersetzt die Untersuchung aber nicht
Therapieeinleitung oder -eskalation Entscheidung stützt sich auf den aktuellen Untersuchungsbefund

Hinzu kommt eine Grenze auf Patientenseite. In einer im Memorandum zitierten Befragung (Baraliakos et al., Zeitschrift für Rheumatologie 2023) sah sich knapp ein Drittel der Patienten technisch nicht in der Lage, an einer Videosprechstunde teilzunehmen. Video bleibt deshalb ein Angebot für einen Teil der Patienten. Das Memorandum hält außerdem fest, dass erste Versorgungsmodelle mit Videosprechstunden und digitalen Gesundheitsanwendungen bislang aus wirtschaftlichen Gründen keinen relevanten Eingang in die Versorgung gefunden haben.

Ein hybrider Rhythmus im Alltag

Tragfähig wird Video in der Rheumatologie als Teil eines Behandlungspfads, nicht als Einzeltermin. Ein möglicher Ablauf für einen stabil eingestellten Patienten:

  1. Präsenztermin mit Gelenkstatus, gegebenenfalls Sonografie, und Festlegung des weiteren Rhythmus
  2. Blutentnahme vor dem nächsten Kontakt, in der Praxis oder wohnortnah nach regionaler Absprache
  3. Fragebögen und gegebenenfalls Fotos vorab
  4. Videotermin: Laborbefunde, Fragebogenwerte, Nebenwirkungen, Therapieanpassung
  5. Nächster Präsenztermin nach festgelegtem Intervall - oder früher, wenn sich im Video Hinweise auf aktive Entzündung ergeben

Wie oft sich Video und Präsenz abwechseln, ist eine ärztliche Entscheidung. Vertragsärzte müssen ohnehin eine Anschlussversorgung sicherstellen, wenn die Videosprechstunde nicht ausreicht, etwa durch einen zeitnahen Termin in der eigenen Praxis. Wie sich beide Formate im Tagesablauf kombinieren lassen, beschreibt der Beitrag zur hybriden Sprechstunde; welche Organisationsmuster Video dauerhaft im Alltag halten, der Beitrag zu Best Practices im Praxisalltag. Wie Messwerte und Videogespräch grundsätzlich zusammenspielen, zeigt der Beitrag zu Telemonitoring und Video.

Fotos von Schwellungen und Hautbefunden

Rheumatische Beschwerden schwanken. Eine Schwellung, die am Wochenende deutlich war, kann beim Termin am Mittwoch zurückgegangen sein. Fotos halten solche Momente fest, ebenso Hautbefunde bei Psoriasis oder Nagelveränderungen. Sie ersetzen keine Untersuchung, geben dem Gespräch aber eine Grundlage. Eine kurze Anleitung verbessert die Aussagekraft: Tageslicht, beide Seiten im Vergleich, dieselbe Perspektive wie beim letzten Mal.

In MeetOne können Patienten bei der Online-Terminbuchung Dateien hochladen - Fotos als JPG oder PNG, Befunde als PDF, bis zu zehn Dateien mit je maximal 25 MB. Sie liegen damit vor Beginn der Videosprechstunde vor, statt per E-Mail oder WhatsApp nachgereicht zu werden. Welche Anforderungen ein Messenger für die Kommunikation mit Patienten erfüllen muss, behandelt in Kürze ein eigener Beitrag.

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Die Fachassistenz einbinden

Die DGRh setzt seit Jahren auf Delegation an rheumatologische Fachassistentinnen und -assistenten (RFA). Laut Memorandum hat die Rheumatologische Fortbildungsakademie seit 2006 mehr als 2.000 RFA fortgebildet; Empfehlungen der DGRh beschreiben Voraussetzungen, Verantwortlichkeiten und delegierbare Leistungen. In der randomisierten, multizentrischen StärkeR-Studie (Krause et al., Deutsches Ärzteblatt International 2022) mit 601 Patienten war die teambasierte Versorgung unter Einbindung von RFA der Standardversorgung bei der Krankheitsaktivität nicht unterlegen. Der fachärztliche Zeitaufwand für eine Wiedervorstellung lag in der teambasierten Versorgung laut den im Memorandum zitierten Studien im Median bei 5 statt 14 Minuten.

Für die Videosprechstunde lässt sich vor allem die Vorbereitung delegieren: Fragebögen anfordern und auf Vollständigkeit prüfen, Laborwerte zusammenstellen, hochgeladene Fotos sichten, einen Technikcheck mit Erstnutzern durchführen. Beurteilung und Therapieentscheidung bleiben beim Rheumatologen. In MeetOne gibt es dafür eine eigene MFA-Rolle, deren Berechtigungen sich erweitern lassen. Die Videosprechstunde selbst läuft im Browser ohne Installation; Bild, Ton und Bildschirmfreigabe sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt.

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Abrechnung in Kürze

In der vertragsärztlichen Versorgung wird die Videosprechstunde über die Grundpauschale vergütet. Sie wird in voller Höhe gezahlt, wenn im selben Quartal ein persönlicher Kontakt stattfindet. Wird ein Patient im Quartal ausschließlich per Video behandelt, wird sie nebst Zuschlägen gekürzt - für die Innere Medizin um 25 Prozent, gekennzeichnet mit der Pseudo-GOP 88220. Bei bekannten Patienten setzt die KV auf die gekürzte Pauschale einen Zuschlag von 30 Punkten zu (GOP 01452). Je Videosprechstunde kommt der Technikzuschlag GOP 01450 mit 40 Punkten hinzu, begrenzt auf 700 Punkte je Arzt und Quartal. Reine Videofälle dürfen höchstens 50 Prozent der Behandlungsfälle einer Praxis ausmachen.

Wer quartalsweise zwischen Praxis und Video wechselt, sollte den Abschlag für die reinen Videoquartale einkalkulieren. Details stehen in den Beiträgen zur EBM-Abrechnung der Videosprechstunde und zur Abrechnung nach Fachgruppe. Für ASV-Teams gelten eigene Abrechnungsregeln, die gesondert zu prüfen sind. Welche Angaben in die Akte gehören, fasst der Beitrag zu den Dokumentationspflichten zusammen, den Ablauf nach dem Termin der Beitrag zur Nachbereitung.

Videosprechstunde in der Rheumatologie im Überblick

  • Geeignet vor allem für bekannte Patienten mit gut kontrollierter Krankheitsaktivität
  • Laborbesprechung, Nebenwirkungsabfrage, Schulung und Fragebogenwerte funktionieren per Video
  • Gelenkstatus, Sonografie, Erstdiagnostik und Schübe gehören in die Praxis
  • Selbst gezählte Gelenke sind für das Monitoring brauchbar, bei geschwollenen Gelenken aber weniger zuverlässig
  • Die Fachassistenz kann Fragebögen, Labor und Fotos vorbereiten
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Fazit

Die Videosprechstunde behebt den Mangel an Rheumatologen nicht, kann aber Präsenztermine für Patienten freimachen, die eine Untersuchung brauchen. Sie trägt bei stabil eingestellten Patienten für Verlaufskontrollen, Therapiemonitoring und Schulung, vorbereitet durch Fragebögen, Labor und Fotos. Gelenkstatus, Sonografie und Erstdiagnostik bleiben Präsenzleistungen, und nicht jeder Patient kann oder will per Video teilnehmen. Ein fester Wechsel zwischen Praxis und Video, dessen Takt der Rheumatologe vorgibt, verbindet beides.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder abrechnungsbezogene Beratung.